Warum fliegen Vögel im Herbst in den Süden?
Warum hat der Fuchs ein rotes Fell?
Warum haben manche Bäume Nadeln und nicht Blätter?
Kinder wachsen heran und stehen staunend vor den Wundern der Natur.
In den Geschichten die sie hören, den wundervollen Märchen, finden sie lebbare Antwort, werden eins mit der Welt um sie herum.

Es ist die Zeit, da ein Junge ein Mann wird, ein Mädchen eine Frau.
Alte Männer nehmen die Knaben und führen sie hinweg zur Initiation.
Alte Frauen nehmen die Mädchen und führen sie hinweg zur Initiation.
Vieles geschieht nun, das ein Geheimnis bleibt.
Aber die Alten erzählen auch Geschichten.
Wer bin ich? Wer werde ich sein?
Diese Ahnengeschichten, Märchen und Mythen begleiten nun Männer wie Frauen ein Leben lang.

Jahrmarkt.
Viele sind gekommen. Bunt ist das Treiben.
Da ist ein Händler, der seltene Gewürze aus fernen Ländern hat.
Zu teuer für die einfachen Leute, aber man kann staunen.
Da ist ein Mann mit schwarzer Haut, er trägt einen Turban und hat Ringe in den Ohren. Er ist erschreckend fremdartig, aber er jongliert auf unglaubliche Art.
Und da ist der Erzähler, sie kennen ihn und seine gehaltvollen Geschichten am abendlichen Feuer.
Heute aber bringt er Alt und Jung zum Lachen mit seinen knackigen Schwänken.

Wer zuhört, wird ein guter König sein.
Geschichten und märchenhafte Parabeln künden vom Wesen des Königtums, seiner Großartigkeit, seinen Gefährdungen.
Die Stimme des Mentors umfängt den Prinzen.
Er lauscht mit Hingabe.
So wie er Reiten lernt, Schwertkampf und Minne, so lernt er Verantwortung, lernt Recht zu sprechen und Gerechtigkeit zu üben, erfährt dass Starke wie Schwache gleichwertig zum Gefüge des Lebens gehören.

Fackeln lodern, Trommeln tönen, Nebel zieht durch den heiligen Wald.
Entrückter Tanz, entzückte Körper, kraftvolle Hingabe.
Zwiesprache mit den Göttern.
Götter des Weiblichen, Götter des Männlichen im Gleichgewicht, im Reigen.
Schamanen und geheimnisvolle Priesterinnen finden Worte, öffnen Geschichten.
Wo kommen wir her? Zu wem gehören wir?
Später wird man sie Märchen nennen, Sagen, Mythen.

So mag es gewesen sein ….

 

Jede Erzählung spricht im Zuhörer eine Ebene an, die tiefer liegt als die des logisch ordnenden Verstandes.
So wie in manchen Märchen der Held oder die Heldin in einen Brunnen steigt, so ist man eingeladen, sich Neuem zu überlassen: Einer Geschichte und ihrem Erzähler.
Der Erzähler spricht mit den Zuhörern. Erzählen und Zuhören ist eine Einheit, ein Kreis. Der Erzähler ermuntert den Zuhörer, sich den Worten und den von ihnen ausgelösten Empfindungen hinzugeben. Der Zuhörer bestärkt den Erzähler in seiner Art der Darbietung.

Eine Erzählung kann leuchtende Augen, gerunzelte Stirnen oder befreites Lachen hervorrufen. Vielfältig ist die Art von Märchen, Mythen, Sagen, Schwänke und anderer Geschichten. Sie entziehen sich kleinlicher Klassifizierung.
Ich möchte ihre Kraft überbringen, ihre Schönheit oder ihren Witz deutlich machen, Raum den Bildern und Gefühlen geben, die hervorgerufen werden.
Ich möchte der Sprache meine Ehrfurcht erweisen.

Ich erzähle für Jung und Alt gleichermaßen.