Menschen gehen hinaus.
Männer, Frauen und Kinder.
Lassen den Alltag hinter sich.
Es ist ein Feiertag.
Die Arbeit wird ruhen.
Sonne, Wald und Fels.
Vogelstimmen. Ein Wasserfall.
Ein Felsplateau gilt es zu erreichen.
Weit geht der Blick über die Ebene.
Ein uralter Baum spannt seine Zweige.
Ein heiliger Ort.
Am Feuer wartet der Geschichtenerzähler.
Mit erfurchtsvoller Geste lädt er ein.
Alt und Jung:
Schön, dass ihr gekommen seid.
Hört zu, lasst euch ergreifen.
Fühlt mit den Guten, fühlt mit den Bösen, lebt.
Heute, morgen und zu aller Zeit.

Vielleicht ist es einmal so gewesen ….

Jede Erzählung öffnet die Tür zu einer anderen Welt. Sie spricht im Zuhörer eine Ebene an, die tiefer liegt als die des logisch ordnenden Verstandes.
So wie in manchen Märchen der Held oder die Heldin in einen Brunnen steigt, so ist man eingeladen, sich Neuem zu überlassen: Einer Geschichte und ihrem Erzähler.
Der Erzähler spricht mit den Zuhörern. Erzählen und Zuhören ist eine Einheit, ein Kreis. Der Erzähler ermuntert den Zuhörer, sich den Worten und den von ihnen ausgelösten Empfindungen hinzugeben und der Zuhörer bestärkt den Erzähler in seiner Art der Darbietung.

Eine Erzählung kann leuchtende Augen, aber auch nachdenklich gerunzelte Stirnen oder befreites Lachen hervorrufen. Bei Jung und Alt. Vielfältig ist die Art von Märchen, Mythen, Schwänken und anderen Geschichten. Manche entziehen sie sich jeder Klassifizierung.

Ich möchte mit meinem Erzählen die Kraft und die Stärke der Geschichten überbringen, ihre Schönheit oder ihren Witz deutlich machen, Raum den Bildern und Gefühlen geben, die diese hervorrufen.
Ich möchte der Sprache meine Ehrfurcht erweisen.

Zuhören kann die Phantasie anregen, überraschende Einfälle wecken oder einfach nur gut unterhalten. Die Bilderwelt, die entsteht, ist ganz die eigene.

Ich erzähle für Jung und Alt gleichermaßen.

An den Lagerfeuern der Hirten, der Händler, ja wohl auch der Soldaten wurden in früherer Zeit Geschichten erzählt; in den Spinnstuben während monotoner Arbeit; in der Mittagshitze, wenn auf Märkten der Handel ruhte; in Burgen am langen Winterabend, wenn sich ein fahrender Erzähler für die kühle Jahreszeit einquartiert hatte; in Palästen durch angestellte Erzähler zu Kurzweil und Zeitvertreib. Im Kreise der Familie haben Eltern ihren Kindern durch das Erzählen von Geschichten das Leben erklärt. All das kann ich mir vorstellen.
Märchen nennt man heute diese Geschichten. Geschichten, die auch immer wieder den Blick auf eine andere Welt, von den Kelten die Anderswelt genannt, richteten.

Für mich haben sie nichts von ihrer Faszination verloren, von ihrer Kraft, ihrer Schönheit, ihrem Witz, von ihrer Bedeutung.
So erzähle ich vor allem Märchen.